
Ein Jahrhundert voller Schweiß, sportlicher Triumphe, Tragödien und echter Vereinsleidenschaft im Soester Norden.
SOEST. Die Geschichte der Blau-Weißen ist weit mehr als eine bloße Aufzählung von Ergebnissen und Tabellenständen. Wenn die Fußballabteilung des TuS Jahn Soest in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert, blickt sie auf eine Historie zurück, die von Idealismus, ehrenamtlichem Einsatz und einem unerschütterlichen Zusammenhalt geprägt ist. Was am 27. Mai 1926 begann, hat sich zu einer festen sportlichen und sozialen Säule der Stadt entwickelt.
Schweiß, Schutt und die erste sportliche Heimat
Der Ursprung des Vereins liegt in den 1920er Jahren. Nach einem körperlich und mental extrem fordernden Arbeitsalltag suchten 25 Mitarbeiter der Deutschen Reichsbahn nach einem Ausgleich. Sie wollten nicht nur trainieren, sondern Gemeinschaft erleben. So gründeten sie die „Reichsbahn-Turn- und Sportabteilung des Eisenbahnvereins Soest e.V.“. Obwohl anfangs auch Handball, Leichtathletik, Schwimmen und Turnen angeboten wurden, entwickelte sich der Fußball rasant zum pochenden Herzen des jungen Vereins.
Um überhaupt spielen zu können, vollbrachte die Gründergeneration eine historische Meisterleistung. Das gepachtete Fabrikareal an der Werkstraße war ein reines Trümmerfeld, übersät mit Schutt und den Resten gesprengter Schornsteine. In über 12.000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden stampften die Mitglieder daraus in reiner Handarbeit einen Fußballplatz aus dem Boden. Am 5. August 1928 wurde die Anlage – der spätere „Jahnpark Nord“ – feierlich eingeweiht. Wenig später, am 1. Oktober 1928, schloss sich die Mannschaft offiziell dem Westdeutschen Spielverband an.
Frühe Erfolge, Fusion und Wiederaufbau
Bereits in der Premierensaison 1929 dominierte das Team mit 14:2 Punkten und 39:19 Toren, auch wenn der Aufstieg aufgrund von Verbandsstrukturen, die ältere Vereine bevorzugten, zunächst verwehrt blieb. Doch der Zusammenhalt wuchs. Im wirtschaftlich harten Jahr 1930 stieg das Team trotz vorherrschender Armut in die 1. Gauklasse auf. Unvergessen bleibt aus dieser Zeit Wilhelm Bärenfänger, der sich mit unfassbaren 44 Treffern zum Torschützenkönig krönte.
- Institutionelle Meilensteine: 1934 fusionierte die Reichsbahn-Sportgemeinschaft mit dem Turnverein Jahn Soest zum ETuS Jahn Soest.
- Aus den Trümmern des Krieges: Bereits 1946 formierte sich ein neuer Vorstand, der die im Krieg zerstörte Anlage in Eigenleistung wiederaufbaute. Namen wie E. A. Klöne und Franz Sauerwein stehen bis heute für diese leidenschaftliche Aufbauarbeit, die das Team aus der 2. Kreisklasse bis in die Bezirksliga Hellweg-Süd führte.
Zwischen Bezirksliga-Jubel und Bundesliga-Glanz
Während die Fußballer in den 1970er Jahren sportliche Höhepunkte wie die umjubelte Meisterschaft in der Saison 1973/74 und den Aufstieg in die Bezirksliga feierten, veränderte sich die Vereinsstruktur. Mit der Schließung des Soester Bahn-Werks 1972 emanzipierte sich der Club und gab sich seinen bis heute gültigen Namen: TuS Jahn Soest.
Parallel zum Fußball sorgte die Tischtennis-Damenmannschaft des Vereins für ein nationales Beben. Über drei Jahrzehnte hinweg schrieb die Abteilung Spitzensport-Geschichte. Neun Jahre lang mischte der Club in der 1. Bundesliga mit und krönte sich 1990 sensationell zur Deutschen Vizemeisterin. Ausnahmespielerinnen wie Gaby Sippel zementierten den Ruf der Soester weit über die Stadtgrenzen hinaus.
Meisterliche Routiniers und der Abschied von der Werkstraße
In der jüngeren Vergangenheit war es jedoch wieder der Fußball, der für Schlagzeilen sorgte. In der Saison 2024/2025 holte die neu gegründete dritte Seniorenmannschaft – bestehend ausnahmslos aus Ü32-Spielern („Alten Herren“) – als taktisch brillantes Team überlegen und ungeschlagen den Kreisliga-Meistertitel. Ein Erfolg, der Meistertrainer Manjit Singh sogar eine Einladung zum Live-Interview in die WDR Lokalzeit einbrachte.
Doch das Jahr 2025 forderte auch Tribut: Nach fast 100 Jahren musste der TuS Jahn seine historische und identitätsstiftende Heimat an der Werkstraße räumen. Bei einer hochemotionalen Feier im strömenden Regen („Der Himmel weinte zum Abschied“) nahmen Generationen von Mitgliedern an der legendären „Blauen Bude“ Abschied von einem Ort, der Schauplatz zahlloser Tränen und Triumphe war.
Die Zukunft hat am Liebfrauenweg begonnen
100 Jahre Fußball beim TuS Jahn Soest – das bedeutet ein Jahrhundert Gemeinschaft, Tradition und Leidenschaft für den schönsten Sport der Welt. Das Jubiläumsjahr 2026 steht dabei symbolisch für Vergangenheit und Zukunft zugleich. Mit dem historischen Spatenstich am 12. Januar 2026 am nahen Liebfrauenweg entsteht aktuell eine nachhaltige und ökologische Sportanlage. Eine neue Heimat für uns Jahner.
Der TuS Jahn Soest schlägt nun ein neues Kapitel auf und geht bestens gerüstet in sein zweites Jahrhundert – noch immer getragen von jenem Geist, der 1926 die 25 Eisenbahner vereinte.
Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!















